Kain – Abel

sandstein / 100x40x70 cm / 2011

Gedanken zum Werk

Kain und Abel, du selbst, solange du bist.

Der Mensch sitzt da, gebeugt – auf den Knüppel gestützt, mit dem er sich selbst, seine Lebendigkeit, sein offenes Herz, seine Liebe tötet. Sein Rauch steigt immer noch nicht zum Himmel. Falsche Richtung – „eingeschlagen“. Immerhin, er lebt noch. Also kriegt er sich nicht klein. Aus dem Knüppel blickt ihn sein Abel an. Er stützt sich sogar auf ihn. Die Option zu leben, lässt dich nie los. Wo bist du selber – ?
Auch du kannst ein Lied sein und frei. Nicht besorgt um dich, nicht neidisch äugend, nicht voll Hass und Angst, sondern dankbar, dich verschenkend. Du weißt das. Kain und Abel bist DU –
die Frage bleibt dir.

Die Geschichte

Kain und Abel ist die Geschichte vom Menschen, dem was dich und mich ausmacht, von Gelingen und Scheitern, Nähe und Distanz, Liebe und Hass, Hoffnung und Verzweiflung – erzählt in der Gestalt von zwei Brüdern. Die Brüder sind die Kinder von Adam und Eva, dem Sohn der Erde und seiner ihm gleichwertigen Frau.

Wer die Geschichte (Gen 4, 1-28) nicht kennt, in Kürze:

Die beiden Brüder sind ungleiche Brüder. Wir dürfen uns Kain gemäß der Geschichte als arbeitsam, leistungsorientiert, seine eigenen Interessen vertretend, abwägend, kämpferisch einerseits, andererseits als nachhaltig irritiert durch die Art seines Bruders vorstellen. Dem scheinen die Dinge nämlich spielerisch zu gelingen. Abel verschenkt sich, er scheint ein klingendes Lied zu sein, kaum seiner selbst achtend, voll Freude und zugewandt seinen Eltern, seinem Bruder und Gott, seiner Quelle. Und deshalb – erzählt uns die Geschichte – steigt „der Rauch seines Opfers“ zum Himmel, während der Opferrauch Kains wie Bodennebel sich um den Opfernden legt.
Kain erträgt dies nicht. Er beginnt Abel zu hassen und der Hass endet im Brudermord mit dem Knüppel. Die Frage Gottes: „Kain, wo ist dein Bruder Abel?“ quittiert dieser mit vorgespielter Ahnungslosigkeit, die den Zorn Gottes nach sich zieht. Kain irrt verzweifelt umher und wird sich selbst nicht los. Und die Geschichte endet – das ist wichtig zu sehen – im Erbarmen Gottes, denn die Geschichte ist zugleich die der Geburt des Volkes der Kanaaniter, die zahlreich wurden und im alten Testament dann „Nachbarn“ Israels sind.

Nochmals zur Deutung

Kain und Abel sind nicht zwei, sondern beide du selbst, ein und derselbe. Es ist die Geschichte eines Menschen, jedes Menschen. Abel ist er als dankbar Präsenter, der loslassen kann … in Kontakt mit anderen, seiner Lebensquelle und daher auch mit sich. Die Geschichte moralisiert nicht, sie erzählt nur vom Preis menschlicher Grundhaltungen, wie wir sie im Leben einnehmen können. Und: Sie träumt auch nicht. Gehst du als Abel, dankbar dich verschenkend durchs Leben, wirst du nicht notwendigerweise Gleiches ernten. Vielleicht, vielleicht aber wirst du erschlagen – vielleicht zuerst von dir selbst, von deiner Angst, übrig zu bleiben. Also von deinem Selbstsicherungsdrang, dem Wissen, „wie die Welt ist“ und was dem blüht, der nicht auf sich schaut.
Und da begegnet dir Kain in dir, deine Fähigkeit, eine „Ich-Aktie“ zu sein, kritisch beäugend, was der andere hat, abwägend, wo Gefahr droht und kämpferisch, wo ein Panzer, Knüppel, Abwesenheit oder Verschlagenheit angebracht ist: Man lebt nur einmal. Schau, dass du auf deine Rechnung kommst. Sei kein Opfer!
Da – erzählt die Geschichte – stehst du im Nebel deiner sorgsamen Selbstsicherung und verlierst deine Kraft, dein Potenzial aus den Augen, obwohl du gerade meinst, auf dich zu achten.
Kain und Abel sind nicht zwei, sondern du selbst. Welchen du lebst, was deine Lebenslogik ist, entscheidest du jeden Augenblick neu, denn die Frage „Wo ist Abel?“ berührt dich als Angebot zu leben – an-dauernd.

Roland Steindl